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Sieben Thesen zum Vortrag:
1. Gemessen an den Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für Deutschland (sämtliche Angaben beziehen sich, soweit nichts anderes vermerkt ist, auf Deutschland) ist die Berichterstattung in den Medien selektiv und dramatisierend. Ausmaß und Entwicklung von Kriminalität werden deshalb in der Bevölkerung stark überschätzt, dies gilt insbesondere für schwere Formen der Kriminalität, die, wie z.B. Tötungsdelikte einschließlich Sexual¬morde an Kindern, nicht zugenommen haben, sondern zurückgegangen sind.

2. Polizeilich registrierte Kriminalität geht seit Mitte der 1990er Jahre insgesamt zurück. Auf „Gewaltkriminalität“ entfallen derzeit 3,3% der polizeilich registrierten Kriminalität (ohne Straßenverkehrsdelikte). Die schwersten Formen der „Gewaltkriminalität“ – vorsätzliche Tötungen sowie Raub – gehen ebenfalls (gemessen an Häufigkeitszahlen – pro 100.000 der Wohnbevölkerung) schon seit mehr als einem Jahrzehnt zurück, seit 2007 auch die gefährliche/schwere Körperverletzung.

3. Junge Menschen weisen zu allen Zeiten die höchste Kriminalitätsbelastung auf. Deshalb wurde auch zu allen Zeiten über die kriminelle Jugend geklagt: „Ich wollte, es gäbe gar kein Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig, oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit: Denn dazwischen ist nichts, als den Dirnen Kinder schaffen, die Alten ärgern, stehlen, balgen” (Shakespeare, Wintermärchen, 1611).
Kennzeichnend für Jugendkriminalität ist, dass sie sich nicht weit in das Vollerwachsenenalter hinein fortsetzt („Episodenhaftigkeit“), namentlich kein Einstiegsdelikt ist, dass sie (im statistischen Sinne) „normal“ und weitaus überwiegend – insbe¬sondere im Ver¬gleich zur Erwachsenenkriminalität – bagatellhaft ist.
Polizeilich registrierte Kriminalität junger Menschen ist seit Mitte der 1980er Jahre – im Unterschied zur Erwachsenenkriminalität – deutlich angestiegen. Dies gilt insbesondere für Körperverletzungsdelikte. Diese Zunahmen gehen vor allem auf junge Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit (im staatsrechtlichen Sinne) zurück. Dieser steigende Trend ist aber schon seit einigen Jahren durch einen rückläufigen Trend abgelöst.

4. Der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund 19% ist in Deutschland mehr als doppelt so hoch wie der Ausländeranteil (9%). Die Gruppe der Migranten ist extrem heterogen. Lebenslagen, Integrationsdefizite oder Integrationsbedürfnisse unterscheiden sich ganz erheblich danach, ob ein Migrant z.B. als Gastarbeiter oder als Asylbewerber, als Aussiedler oder als hochqualifizierter Facharbeiter gekommen ist. Migrant ist nicht gleich Migrant.
Das gegenwärtige kriminalstatistische System in Deutschland enthält weder (bundesweite) Informationen zu Migranten als Täter noch zu Migranten als Opfer von Kriminalität. Ergebnisse liegen dagegen vor aus zumeist regional und auf die Altersgruppe der 9. Jahrgangsstufe (zumeist 15-Jährige) beschränkten Schülerbefragungen. In Übereinstimmung mit der Mehrzahl der bisherigen Schülerbefragungen wurde festgestellt, dass einige Migrantengruppen häufiger als deutsche Jugendliche sowohl Täter als auch Opfer vor allem von Körperverletzungsdelikten sind. Ferner wurde der bisherige Befund bestätigt, wonach die Anzeigebereitschaft von der ethnischen Zugehörigkeit abhängt. Junge Migranten als Täter haben ein deutlich höheres Risiko angezeigt zu werden als junge Deutsche.
Die zwischen den Migrantengruppen und im Vergleich zu den deutschen Jugendlichen bestehenden Unterschiede in den Täter- und Opferraten gleichen sich aber vollständig (!) aus, wenn einige „Belastungsfaktoren“ berücksichtigt werden, wie z.B. Erfahrung mit schwerer innerfamiliärer Gewalt, Akzeptanz gewaltorientierter Männlichkeitsnormen („Machokultur“), Zahl der delinquenten Freunde. Dies spricht dafür, dass gelingende Integration der Weg ist, um überproportionale Kriminalitätsbelastung zu reduzieren.

5. Unklar ist, ob die Zunahme der Zahl der polizeilich registrierten jungen Menschen auf einem „realen“ Kriminalitätsanstieg oder (insgesamt oder zumindest teilweise) auf einem veränderten Anzeigeverhalten beruht. Umfang, Struktur und Entwicklung der polizeilich registrierten Kriminalität sind nämlich fast aus¬schließlich vom Anzeigeverhalten bestimmt. Nach den Ergebnissen von Schülerbefragungen stieg in Stuttgart die Anzeigebereitschaft bei Körperverletzung ohne Waffen von 11,8% (1998) auf 19,7% (2005) an. Dies bedeutet, dass die polizeilich registrierten Körperverletzungsfälle dieser Altersgruppe allein wegen dieser Steigerung der Anzeigebereitschaft statistisch um 67% gestiegen wären (ohne dass mehr passiert wäre). Ohne sog. Dunkelfeldforschung ist deshalb die Frage, ob und wie sehr sich „reale“ Kriminalität verändert hat, überhaupt nicht entscheidbar.

6. In Deutschland gibt es, im Unterschied zu Ländern wie England oder den USA, noch keine bundesweit repräsentative, kontinuierliche statistikbegleitende Dunkelfeldforschung. Sämtliche seit den 1990er Jahren durchgeführten, allerdings regional und vor allem auf die 9. Jahrgangsstufe begrenzten Schülerbefragungen zeigen einen den PKS-Daten entgegen gesetzten Trend hinsichtlich der Kriminalitätsentwicklung: Sowohl die Eigentums- als auch die Gewaltdelikte gingen entweder zurück oder blieben im Wesentlichen konstant. Dies wird bestätigt durch Daten der Versicherungswirtschaft zu Raufunfällen in Schulen. Diese gegenläufige Entwicklung ist – zumindest zu einem erheblichen Teil – erklärbar, durch den ebenfalls in den Dunkelfeldbefragungen festgestellten Anstieg des Anzeigeverhaltens, insbe¬sondere im Bereich der Gewaltkriminalität.

7. Unabhängig von der Diskussion, ob Jugendkriminalität, insbesondere Jugendgewalt, gestiegen ist oder nicht, bleibt die Frage, wie die Begehung von Straftaten möglichst verhindert, zumindest aber reduziert werden kann.
Nach dem Stand des empirisch gesicherten Wissens ist von Sanktionsverschärfungen keine Senkung der Kriminalitätsrate (Abschreckung potentieller Täter) bzw. der Rückfallrate (der bestraften Täter) zu erwarten. Statt Verschärfung sind vielmehr der Ausbau des vorhandenen und ausreichenden Instrumentariums des Jugend¬strafrechts erforderlich, insbesondere eine Verbesserung der sachlichen und personellen Ausstattung von Jugend¬hilfe, Justiz, Bewährungshilfe und Strafvollzug, damit der Auftrag des Jugendstrafrechts, Rückfallreduzierung zu erreichen, erfolgreich umgesetzt werden kann.
Statt einer Verschärfungen des Jugendstrafrechts ist eine Kriminalpolitik geboten, die Vorbeugung in den Vordergrund stellt. Strafrecht kommt regelmäßig zu spät und bewirkt wenig. Strafrecht kann weder Ersatz noch darf es Lückenbüßer sein für ungenügende Kinder- und Jugendhilfe oder für Mängel und Versäumnisse der Sozial- und Integrationspolitik. Strafrecht kann Prägungen durch erfahrene Gewalt in der Familie und im sonstigen sozialen Umfeld allenfalls begrenzt ausgleichen; durch Schwierigkeiten in Schule und Ausbildung bedingte Chancen- und Perspektivlosigkeit kann Strafrecht nicht beheben. Deshalb sind vorrangig Einrichtungen und Maßnahmen der primären und sekundären Prävention zu fördern, die anzusetzen haben bei den Familien, den Kindergärten, den Schulen und in den Kommunen. Es gilt der alte Satz, wonach eine gute „Sozialpolitik … die beste und wirksamste Kriminalpolitik“ ist (von Liszt 1898).
Prof. em. Dr. Wolfgang Heinz

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